Klassiker Nacherzählt von D.S. Felix

Lesen die unterschätze Tätigkeit

Was passiert in deinem Gehirn, wenn du liest?

Wenn du liest, sitzt du nicht einfach nur da und verarbeitest Worte. Dein Gehirn fühlt es, als würdest du ein völlig anderes Leben leben. Forscher haben etwas Faszinierendes entdeckt: Wenn du über jemanden liest, der rennt, dann wird dein motorischer Kortex aktiv. Wenn du über eine samtige Oberfläche liest, springt dein sensorischer Kortex an. Wenn du über Zimt liest, dann reagieren die Riechzellen. 

Nicht nur verstehen, sondern erleben

Das beweist, dass dein Gehirn die Worte nicht nur versteht, es erlebt sie. Das nennt man verkörperte Kognition. Und das passiert gerade, während du liest. Wenn du Fiktion liest, leuchtet der linke Temporalkortex auf. Das ist dieselbe Region, die aktiv wird, wenn du über dich selbst nachdenkst. Das Gehirn kann nicht vollständig zwischen dem Erlebten einer Figur der Geschichte und dem eigenen Erlebten unterscheiden. Du beobachtest die Geschichte nicht nur, du erlebst sie. Forscher haben die Gehirne von Lesern gescannt, während sie über eine Figur lasen, die nach einem Gegenstand greift. Dabei zeigte der motorische Kortex Aktivitätsmuster, die dem echten Greifen erstaunlich ähnlich waren. Dein Gehirn bildet eine Art Bewegungsgedächtnis für Handlungen, über die du nur gelesen hast.

Fiktion ist eine Ganzkörpersimulation

Fiktion ist eine Ganzkörpersimulation, die in deinem Kopf abläuft. Menschen, die Fiktion lesen, verstehen andere oft besser. Studien zeigen, dass Leser literarischer Romane in „Theory of Mind“ Tests höher abschneiden, d.h., Gedanken und Gefühle anderer zu erkennen. Jedes Mal, wenn du liest, übst du, in das Bewusstsein eines anderen zu schlüpfen. Du trainierst dein Gehirn durch die Augen anderer zu sehen. 

Die gleichen Netzwerke werden aktiv, wenn du: über fiktive Figuren liest oder an echte Menschen in deinem Leben denkst. Dein Gehirn kann kaum unterscheiden zwischen: zu verstehen, warum eine Figur eine Entscheidung trifft oder zu verstehen, warum ein Freund eine Entscheidung trifft. Fiktion ist eine soziale Simulation, dein Gehirn behandelt sie wie etwas Echtes. 

Langzeitwirkung des Lesens auf das Gehirn

Lesen hat zudem eine Langzeitwirkung, die noch Tage nach dem Lesen nachweisbar ist. Lesen verändert dein Gehirn. Leser verstehen andere besser, können sich in sie einfühlen und hineindenken, haben bessere sprachliche Fähigkeiten, bessere allgemeine kognitive Leistungen, besseres abstraktes Denken. Sachbücher sind hervorragend, um Fakten zu lernen, aber Fiktion verändert, wie du denkst. Wenn du in eine Geschichte eintauchst, pausiert dein kritisches Denken kurz, erlebst du die Geschichte, als würde sie dir passieren, können sich deine Überzeugungen und Einstellungen tatsächlich verschieben. Geschichten sind mächtig.

Geschichten sind mächtig

Neuroplastizität bedeutet eben auch, dass sich dein Gehirn neu formen kann. Jedes Buch, das du liest, stärkt neuronale Bahnen, schafft neue Verbindungen, verbessert die Effizienz von Netzwerken. Fiktion zu lesen, ist wie Crosstraining für deinen Kopf. Menschen, die ein Leben lang lesen, zeigen bessere erhaltene kognitive Leistungen im Alter, stärkere Vernetzung in Sprachnetzwerken, höhere Integrität der weißen Substanz, also der Kabel, die die Hirnregionen verbindet. Lesen ist also auch Gesundheitsvorsorge. Also, lest mehr…

Ein Kommentar

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